Wir sollen schildern, was jene kleine Schaar beseelte, die sich am 10. November 1872 zusammengefunden und am 2. Februar 1873 ihre behördliche Bestätigung als Verein empfangen hat. Es war Richard Wagner selbst, der in jenen Festtagen die herzlichste Anerkennung zollte.
Sollen wir jene schöne Zeit der jungen Liebe zu schildern, das Geheimnis jener Erfolge zu enthüllen versuchen? Es war unser Glaube an Richard Wagner's Lebenswerk!
Nicht erst heute also ist unser Glaube, unser Wissen, dass es die gute Sache sei, um die wir uns als Jünglinge schaarten, und dass wenigstens dieses eine Mal die gute Sache siegen müsse, zur Erfüllung eines klar bewussten Hoffens geworden. Aber Dessen, die die Jugend jener Jahre so glauben und lieben gelehrt hat, wie es unserer Zeit nur selten so inbrünstig vergönnt ist, willen wir heute mit erneutem Treuegelöbnis gedenken und ihm danken, dass er uns das Ziel wie den Weg zu ihm mit gleich ursprünglicher Schöpferkraft gewiesen.
Nach der zweiten Aufführung des "Ringes" 1876 empfing Richard Wagner den Wiener akademischen Wagner Verein:
'Nun, nun, ich bin mit Euch zufrieden' und fügte mit gemüthlichem Scherze hinzu: 'Auch mein Cassier ist mit Euch zufrieden!' So sprach der Mann der fünfundzwanzig Jahre an der Verwirklichung jener ersten Festspiele gearbeitet hatte, der für die noch bevorstehende dritte Aufführung schwere Sorgen hatte, wie das Haus zu füllen sei.
Mit jenen ersten Festspielen schloss die erste Periode auch unseres Vereins.
Es kamen die Jahre bis zum ersten 'Parsifal' (Juli 1882), zum Tode des Meisters (13. Februar 1883).
Nach der zweiten Aufführung von 'Parsifal' wendete sich Richard Wagner an die auf der Bühne um ihn versammelten Künstler und sprach zu ihnen in lebhaftester Bewegung: 'Wenn ich so sehe, wie weit wir's gebracht haben, überkommt mich eine tiefe Befriedigung über mein Leben! Wer gedenkt hier nicht jenes: Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch zu bist so schön!'
Dritter und weitaus längster Abschnitt unseres Vereinslebens: zahlreiche große Musikaufführungen, interne Musikabende und festliche Ansprachen.
Blicken wir aber wieder vor Allem hin auf das Werk, dem unser Wille, unsere That von Anfang an gegolten hatte und mit nicht gemindertem Ernste noch immer gilt.
Wenige Monate nach dem Tode Richard Wagners, zu Pfingsten 1883, wurde in Nürnberg der 'Allgemeine Richard Wagner-Verein' gegründet auf Anregung der Vereine München und Wien um der umfassenden Vereinigung aller Freunde und Wagner'schen Kunst tüchtig zu machen.
Dass aber dieses Werk noch immer hinausleuchtet in alle Lande, das danken wir noch immer nicht der Nation, auf deren Geist zwar, aber schon am Tage der Grundsteinlegung nicht mehr auf deren Hilfe der Meister vertraut hatte. Das danken wir einzig jener unvergesslichen persönlichen Treue, jener Hingebung einiger Auserlesener, deren Leben auch heute noch aufgeht in dem Lebenswerk jenes Einen - Richard Wagner.
